Gesetz ist Gesetz — heutige Bürokratie und die Nürnberger Rassegesetze

Vor ein paar Stunden habe ich eine Geschichte gehört, die mir einerseits mal wieder gezeigt haben, wozu Bürokratie insbesondere ’nichtdeutschen‘ Staatsbürgern gegenüber fähig ist; andererseits wurde mir vor Augen geführt, warum es gut ist, sich mit Geschichte zu beschäftigen.

Eine Freundin von mir versucht, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen. Ihre Großeltern sind in Deutschland geboren, wurden aber infolge der Nürnberger Rassegesetze ausgebürgert und damit staatenlos. Sie gehörten zur jüdischen Bevölkerung mit polnischen Vorfahren, die dem Nationalsozialistischen Regime zufolge jetzt Polen sein sollten. (Sowohl die Betroffenen als auch der polnische Staat sahen das anders.)

Das heute geltende Gesetz sieht Folgendes vor: „Frühere deutsche Staatsangehörige, denen zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen worden ist, und ihre Abkömmlinge sind auf Antrag wieder einzubürgern.“ Eigentlich eine klare Sache. Ihr Antrag wurde jedoch abgelehnt, weil ihre Großeltern nicht deutsche Staatsbürger, sondern Staatenlose gewesen seien. Lieber Staat, genau DAS ist das Problem. Die Nachkommen hätten jetzt gern die Staatsangehörigkeit zurück, die die Nationalsozialisten der Familie genommen haben. Das soll also nicht klappen, WEIL die Nationalsozialisten die Familie entrechtet und verfolgt haben? Astrein, wirklich.

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Ausländer und das Verstehen-wollen

Eigentlich soll man sich ja nicht selbst plagiieren, aber dieser Beitrag von meinem Reiseblog passt hier genauso gut hin, finde ich.

Been there, done that.

Cheljabinsk ist keine ‚internationale‘ Stadt. Im Oblast‘ leben zwar viele Baschkiren (und auch andere Ethnien), sodass es zumindest ein bisschen Diversität gibt, aber ‚Ausländer‘ sind doch eher eine selten gesehene Erscheinung. Mir begegneten mehrmals Menschen in meinem Alter, die noch nie mit einem Ausländer gesprochen hatten. Leute aus anderen Städten hatten noch nie einen ‚live‘ gesehen. Das wiederum ist für mich unvorstellbar.

Nun reagieren Menschen sehr unterschiedlich auf Fremde. All jene, mit denen ich direkt bei der Arbeit oder über persönliche Kontakte zu tun hatte, waren wunderbar — freundlich, geduldig und humorvoll trotz der grausligen Dinge, die ich beim Sprechen ihrer Sprache antue. Im Alltag ist das Ergebnis eher durchwachsen. Einige sind professionell oder tatsächlich freundlich, und wiederholen Sätze noch einmal langsamer oder mit anderen Worten. Andere allerdings verkürzen eher ihren Geduldsfaden, sagen immer wieder im selben Tempo genau dasselbe oder fangen schon nach wenigen Sekunden an, einen anzubrüllen, weil…

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Unterwegs

Um die hier plötzlich entstandene Leere zu erklären: Ich bin gerade (beruflich) auf Reisen in der russischen Mitte. Jetzt habe ich im Exil etwas Zeit gefunden, möchte diese Eindrücke aber lieber hier zum Besten geben

http://unterwege.wordpress.com/

Ich fand, solche ‚Reiseberichte‘ passen hier nicht so richtig hin, wobei es grundsätzlich durchaus thematische Überschneidungen geben könnte 😉

Richard Dawkins Twittersprechstunde

Richard Dawkins ist ja mittlerweile nicht nur für seine Bücher bekannt, sondern auch dafür, sich offenbar gern im Internet beschimpfen zu lassen. Dafür eignet sich Twitter am allerbesten. Das weiß niemand besser als Dawkins selbst. Denn wegen der 140-Zeichen-Grenze bei Twitterbeiträgen ist es quasi unmöglich, sich auch nur halbwegs differenziert zu einem Thema zu äußern, das komplexer ist als ein Bleistift oder eine Aufziehmaus. Vieles andere klingt in 140 Zeichen je nach Inhalt plump, bedenklich oder fanatisch.

Diesmal suchte sich der Biologe das Thema pränataler Untersuchungen aus, bzw. die Frage, ob eine Mutter sich im Fall einer Trisomie 21 bei ihrem Fötus für oder gegen eine Abtreibung entscheiden sollte. Damit antwortete er auf eine dementsprechende Frage einer Twitter-Userin. Auf ‚Twitterisch‘ klang das dann so: „Abort it and try again. It would be immoral to bring it into the world if you have the choice.“ Allein dieses ‚versuch’s nochmal‘ sorgt schon dafür, dass es einem eiskalt den Rücken herunterläuft. An dieser Stelle wird es jedoch schwierig. Diese Frage nach Abtreibung ist durchaus diskutabel, und Dawkins hier als Hitler und Eugeniker abzustempeln, wie es einige Twitter-User daraufhin taten, führt nicht weiter. Natürlich kann jeder eine Meinung dazu haben, die Entscheidung liegt aber wohl im Einzelfall bei der Mutter.

Liest man Dawkins Erklärung (übrigens sind auch die Kommentare darunter interessant), die er wegen des Shitstorms, den sein Post auslöste, verfasste, hört sich sein Standpunkt weniger zynisch an. Deswegen muss man ihm noch lange nicht zustimmen. In jedem Fall jedoch kann man ihn dafür kritisieren, solche sensiblen, ernsten und wichtigen Diskussionen ausgerechnet über Twitter zu führen. Dieses ‚Treib es ab und versuch’s nochmal‘ lässt das Kinderkriegen klingen wie töpfern oder Kekse backen – dabei entscheidet man in einer solchen Situation über ein Menschenleben. In diesem Sinne müssten sich nicht nur jene von Dawkins Sätzen beleidigt fühlen, die gegen Abtreibung generell oder in einem solchen Fall sind, als auch die, die sich für eine Abtreibung entschieden haben, da ihre Entscheidung als fast schon alltäglich abgestempelt wird. Ich möchte zumindest glauben, dass es sich die meisten sehr viel schwerer machen.

So viel einem die sozialen Medien auch abnehmen an Mühe und Umwegen, so sehr sie Kommunikation erleichtern und Wege verkürzen — denken muss man schon noch selbst, bevor man irgendetwas in die Welt hinausposaunt.

Scherzkeks krümelt — Inlandsressort von SPON zeigt Anzeichen von Verzweiflung

Während an viel zu vielen Orten der Welt die Medien nicht mehr hinterher kommen vor Schreckensmeldungen, so scheint in Deutschland, insbesondere im Inlandsressort, wieder einmal die Langeweile ausgebrochen zu sein. Eben erreichte mich eine Schlagzeile auf Spiegel Online, die folgende wichtige Information verlautbarte:

Von der Leyen reißt Witz über „schießendes Personal“

Ich gebe zu, dass diese Meldung insofern einen gewissen Wert hat, als dass sie den Seltenheitswert des Ereignisses zurecht hervorhebt. Höre ich den Namen von der Leyen, denke ich zu allerletzt an irgendwelche Anzeichen von Humor. Dabei handelt es sich sogar um einen Wortwitz und es geht um Fußball (!). Ja, die Welt steht Kopf. Aber trotzdem, liebe SPONisten. Die Meldung, dass in der Regierung diesmal jemand freiwillig komisch war (oder es zumindest versuchte), könnt Ihr Euch für Zeiten aufheben, in denen wirklich nichts passiert.

Nachtrag

Es gibt neue Entwicklungen in dieser faszinierenden Affäre: Die SPD findet den Witz nicht lustig. Die Linke auch nicht. Ist das spannend.

Weder Freund noch Helfer — über die Militarisierung der Polizei in den USA

Dieser Beitrag ist eigentlich eine Empfehlung, und zwar, sich die Zusammenhänge hinter den Ereignissen in Ferguson anzusehen. Hinter dieser Polizeigewalt stecken einerseits tiefe ethnische und soziale Spannungen bzw. Rassismus ‚von oben‘, andererseits allgemeinere Entwicklungen in der US-amerikanischen Polizei, die man mit ‚Militarisierung‘ übertiteln könnte. Einige würden vielleicht Paramilitarisierung sagen, auch wenn ich das Wort gerade erfunden habe. In diesem Prozess liegt der Ursprung dessen, was wir jetzt auf (bewegten und unbewegten) Bildern aus Ferguson sehen können: Schwere Panzerfahrzeuge, mit Maschinengewehren wild herumfuchtelnde Polizisten in voller Kampfmontur.

Beide Seiten dieser Geschichte hat John Oliver in seiner letzten Sendung wunderbar aufgearbeitet und zusammengefasst; sein Beitrag ist unbedingt sehenswert: https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=KUdHIatS36A

Er zeigt zum Beispiel den Bürgermeister von Ferguson, wie er das Thema der ethnischen Konflikte einfach wegbügelt, sich später aber auf die Frage danach, wie es denn mit der ethnischen Diversität der Polizeikräfte aussehe, bis auf die Knochen blamiert. Seine Aufzählung der ’nicht-weißen‘ Polizisten in Ferguson klingt fast schon satirisch, es sind kurz gesagt, nicht sehr viele. Oliver berichtet weiter über Polizeigewalt gegen Afroamerikaner, wie den Fall eines Mannes, der von der Polizisten in ihren eigenen Räumen zusammengeschlagen wurde — für die angebliche Provokation des Mannes ließ sich kein Beweis finden. Später wurde er noch belangt, weil er die Uniformen der Beamten vollgeblutet hatte.

Schließlich kommt er zur Militarisierung der Polizei, was konkret heißt, dass die Polizei altes Material von der Armee kauft. Damit wird letztendlich jede Kleinstadt in Kriegsgebiet verwandelt wegen ‚potenzieller Bedrohung‘ — ein an sich schon absurder Begriff. Die Polizei ist nun schwer bewaffnet; für dieses ganze ‚Spielzeug‘, wie Kritiker es nennen, sind die Beamten jedoch überhaupt nicht ausgebildet. Deswegen fahren nun Polizisten mit Panzern durch die Gegend und winken fahrlässig mit Maschinengewehren. Und sie sehen überall nur noch Feinde. Da soll mir mal einer erklären, wieso man sich mit einer Horde schwer bewaffneter paranoider Polizisten sicherer fühlt. Den Bewohnern von Ferguson scheint das ja auch nicht ganz klar zu sein.

Mehr zu diesem Thema gibt es zum Beispiel hier: http://www.huffingtonpost.com/news/police-militarization/

Notiz: Sie ist wieder da.

Ich bin wieder da oder zumindest ist das der Plan. Entschuldigt oder entschuldigen Sie meine lange Abwesenheit, insbesondere weil es eigentlich keinen Grund dafür gibt. Viel Arbeit, vielleicht, aber die gibt es ja immer. Jedenfalls, hier mein verspäteter Neujahrsvorsatz (denn zu Neujahr war ich ja noch hier):

Schreiben.

Und zwar nicht nur beruflich, sondern hier. Mal sehen, was passiert.